[SHA] Angeklagter sieht sich im Königreich Württemberg

Entnommen der SWP vom 10.05.2017

Das Amtsgericht verurteilt in drei Prozessen Männer, die den Reichsbürgern nahestehen. Ein Unternehmer doziert Gedankengut der Gruppierung.

Das ist nicht alltäglich: Vier bewaffnete Justizbeamte sichern den großen Haller Gerichtssaal ab und kontrollieren jeden, der den Raum betreten will. Der Grund: Das Amtsgericht verhandelt Strafsachen gegen sogenannte Reichsbürger. Drei Verhandlungen stehen an. Die vier Bewacher werden bis zum Schluss bleiben, aber sie müssen nicht eingreifen. Die ganztägige Sitzung verläuft ruhig, sogar Zwischenrufe bleiben aus.

Hass-Spruch auf Motorrad

Fall eins: Ein 24-jähriger Maurer aus der Reichsbürger-Szene hat an seinem Motorrad ein Kennzeichen mit den Buchstaben A.C.A.B und der deutschen Reichsflagge angebracht. Das Motorrad hatte er im August 2016 vor dem Regionalmarkt in Wolpertshausen abgestellt. Dass die Buchstaben für den englischen Polizisten-Hass-Spruch „All cops are bastards“ (Alle Polizisten sind Bastarde) stehen, bestreitet er. Es seien die Anfangsbuchstaben der Namen „Alexander, Claus, Axel, Bob“ oder so ähnlich.

Den vorgeworfenen Kennzeichen-Missbrauch will er nicht akzeptieren. Er habe  lediglich ein Logo an seinem Motorrad angebracht. Als das Gericht anbietet, das Verfahren gegen eine Geldauflage von 600 Euro einzustellen, willigt er aber sofort ein. Er soll das Geld an den Haller Sonnenhof zahlen.

Erneut ohne Führerschein

Fall zwei: Ein 64-jähriger Unternehmer aus Wolpertshausen ist erneut am Steuer erwischt worden, obwohl ihm schon vor einem Jahr vom Haller Landratsamt die Fahrerlaubnis entzogen wurde. Sein Punktekonto im Flensburger Fahreignungsregister war voll. Unter anderem war er als Porsche-Raser aufgefallen.

Business-Anzug, hellblaues Hemd, gestreifte Krawatte – der Geschäftsmann mit dem markanten Schnauzbart tritt seriös auf. Allerdings behauptet er, er sei nur das „lebende Organ“ einer erfundenen juristischen Person seines Namens. Er räumt ein, Deutscher zu sein, ergänzt aber: „Bundesstaatenangehöriger aus dem Königreich Württemberg.“ Anschließend liest er aus einem – dem Internet entnommenen – Aufsatz die Gründe dafür ab, warum das Grundgesetz seinen Geltungsbereich verloren habe. „Mittlerweile leben wir mitten im Rechtsbankrott.“ Im Streit mit dem Finanzamt habe man ihm den Betrag von eineinhalb Millionen „enteignet“.

18 Monate Fahrverbot

Als die Polizei ihn am 5. Oktober 2016 in einem firmeneigenen Smart kontrollierte, zeigte er eine „Fahrerlaubnis des deutschen Reichs“. Vor zweieinhalb Monaten ist er schon einmal vom Crailsheimer Amtsgericht wegen „Fahrens ohne Fahrerlaubnis“ verurteilt worden.  Das Haller Amtsgericht entscheidet jetzt auf eine viermonatige Freiheitsstrafe mit Bewährung. Er soll als Auflage 8000 Euro an Ärzte ohne Grenzen zahlen und weitere 8000 Euro an den Weißen Ring. Einen neuen Führerschein kann er frühestens in 18 Monaten bekommen. Vorher erwartet ihn vermutlich eine MPU.

Zehn Waffen im Schrank

Fall drei: Der 51-jährige Angeklagte wird aus dem Haller Gefängnis vorgeführt. Er wurde wegen Fluchtgefahr inhaftiert. Das Leben des bisher unbescholtenen Industriekaufmanns geriet aus dem Ruder, als er vor mehr als zwei Jahren mit seinem Vellberger Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten kam.

Als er im Juli 2015 die eidesstattliche Versicherung abgeben musste, holte sich der Gerichtsvollzieher Verstärkung durch eine Zivilstreife der Polizei. Dabei wusste er gar nicht, dass der Mann als passionierter Jäger zehn Waffen in seinem Besitz hatte. Der Angeklagte hätte seine umfangreiche Jagdausrüstung dem Gerichtsvollzieher gegenüber angeben müssen, tat es aber nicht.

Der Staatsanwalt meint, die weiteren Anklagepunkte, nämlich Urkundenfälschung und falsche Verdächtigung, seien bedeutender. Der Angeklagte hat einen ehemaligen Geschäftspartner mit gefälschten Angaben in die Enge treiben wollen. Banken gegenüber hat er verbreitet, er habe eine Millionenforderung gegen das Unternehmen des Mannes. Am Ende bekommt er vom Haller Amtsgericht eine Geldstrafe von 140 Tagessätzen zu 60 Euro, also 8400 Euro.

Inhaftierter kommt frei

Der wortgewandte 51-Jährige akzeptiert das Urteil. Sofort werden seine Fußfesseln abgenommen, er ist frei. Offen bleibt, ob er sich, wie er behauptet, aus der Reichsbürgerszene gelöst hat. Dem Gerichtsvollzieher hatte er seinerzeit noch einen keltisch-druidischen Ausweis vorgelegt. Vor Gericht rechtfertigt er den Ausweis damit, dass man ihn mit einem Organspende-Ausweis vergleichen könne. Auch für den Richter bleibt die politische Einstellung des Mannes fraglich: „Er hat sich distanziert, dass er ein Reichsbürger ist. Er ist aber so aufgetreten, als wenn er ein Reichsbürger wäre.“


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